Roesias
WELLENSITTICH
ein artiger Kavalier

Der gewellte
Singpapagei
London anno 1842
​Roesia Blacks sehnlichster Wunsch
Forschen Schrittes eilte ein zierliches Persönchen über das belebte Trottoir der britischen Metropole. Ohne Zweifel war es eine Dame, die sich hier so überaus zielstrebig durch den schwülen Augustnachmittag bewegte. Kühl und anmutig schritt sie einher, von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet. Das dunkle Haar adrett unter einem eleganten Hut aufgesteckt. Große, sturmgraue Augen sahen abwägend, mit einer gewissen Distanziertheit darunter hervor. Trotz der unerträglichen Hitze wirkte sie frisch und energiegeladen – beinah’, als ob sie sich anschickte, endlich ein langersehntes Vorhaben in die Tat umzusetzen. Ach, ihr Name wäre an dieser Stelle wohl noch zu erwähnen: Roesia Black. Richtig! Ebenjene eigenwillige Dame, die sich seit einigen Jahren mit großem Enthusiasmus als Dichterin betätigte. Doch wohin mochte sie an diesem heißen Spätsommertag so hastig unterwegs sein? Ob sie womöglich fürchtete, zu spät ans Ziel zu gelangen?
Fast auf den Tag genau vor zwei Jahren hatte der namhafte Forscher und Ornithologe John Gould, frisch von einer Fahrt nach Australien zurückgekehrt, dem staunenden Londoner Publikum ein sehr besonderes Tier präsentiert. Man stelle sich einmal vor, wie aufregend es gewesen sein musste, auf einem fernen Kontinent, noch dazu auf der anderen Seite des Erdballs, eine Entdeckungsreise zu wagen und dabei bisher völlig unbekannten, höchst erstaunlichen Kreaturen zu begegnen. Terra Incognita! Wie überaus geheimnisvoll und verführerisch der Name dieses noch weitgehend unerforschten Kontinents in ihren Ohren widerhallte! Allzu gerne wäre sie bei diesem Abenteuer dabei gewesen! Roesia war überaus fasziniert, als sie das erste Mal eine Zeichnung betrachten durfte, die ein sehr seltsames Tier auf den muskulösen Hinterbeinen hüpfend zeigte. Es trug ein aufgewecktes Jungtier in einem Beutel am Leib mit sich herum. Wie gerne hätte sie diese entzückenden Wesen mit eigenen Augen in seiner natürlichen Umgebung beobachtet! Vielleicht gar in einem Gedicht verewigt. Wobei dies außer Frage stand. Ganz sicher hätte sie dies getan. Der Gedanke zauberte unwillkürlich ein Lächeln auf ihre ernsthaften Gesichtszüge.
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Roesia war mitnichten eine der oberflächlichen, kichernden und ständig flirtenden Gesellschaftsdamen, deren einziges Lebensziel vermutlich darin bestand, sich einen begüterten Gentleman an Land zu ziehen. Vielmehr war das Gegenteil der Fall. Mit ihren stattlichen dreiundzwanzig Lenzen war sie inzwischen zu einer ausgesprochenen Expertin avanciert, was die Vermeidung einer Ehe anbelangte. Gemeinhin galt sie als Blaustrumpf. Altjüngferlich und verschroben. Sehr zum Leidwesen ihrer geplagten Mutter, Lady Euphemia Black, die - wiederum zu Roesias ausgesprochenem Missvergnügen -, die Hoffnung auf eine angemessene Partie ihres einzigen Abkömmlings mitnichten aufgegeben hatte. Eine Verehelichung war jedoch das Letzte, wonach Roesia der Sinn stand. Denn sie befand sich dank ihres verstorbenen Papas, Sir Edward Black, in einer vorteilhaften Position, die ihr bis ans Lebensende einen mehr als komfortablen Lebensstil sicherte. Kurzum: Sie war eine wohlsituierte Dame, die sich getrost eine gewisse Exzentrik leisten durfte. Wie schockiert Lady Black gewesen war, als Roesia vor einigen Jahren entschlossen kundgetan hatte, von Stund‘ an ein Leben als Dichterin und Schriftstellerin zu führen. Unverehelicht! Ihre Mutter hatte fast der Schlag getroffen, so außer sich war sie gewesen! Zumal Roesia sich durch nichts und niemanden in ihren unkonventionellen Ansichten beirren ließ. Zwar hatte sie seither lästige gesellschaftliche Verpflichtungen nicht vollends vermeiden können. Hin und wieder wurde sie trotz ihres Widerstrebens von Lady Black zu einer dieser grässlichen Tanzveranstaltungen geschleift – doch eilte ihr inzwischen ein gewisser Ruf voraus. Roesias Lächeln vertiefte sich. Traute sich tatsächlich einmal ein vorwitziger Gentleman an sie heran, kühlte sein amouröses Interesse für gewöhnlich rasch ab, wenn sie unerhörterweise von allgemeinen Themen, wie beispielsweise dem Wetter, abwich und selbstbewusst Dinge ansprach, die für gewöhnlich den Herren der Schöpfung vorbehalten waren. Welch‘ eine ausgesprochene Anmaßung, dem weiblichen Geschlecht von vorneherein jegliches Verständnis dafür abzusprechen!
Inzwischen wusste sie unauffällig, routiniert und sehr elegant dafür zu sorgen, dass man sie in Ruhe ließ. Ihre Mutter beobachtete Roesia zwar mit Argusaugen, schien jedoch zunehmend ratlos hinsichtlich des Grundes, weshalb sämtliche Verehrer vor ihrer durchaus ansehnlichen Tochter die Flucht ergriffen. Roesia seufzte. Irgendwann würde ihre liebe Mama vermutlich Verdacht schöpfen. Unverhofft kam Melancholie über sie. Ihr schmales Antlitz umschattete sich. Sicherlich würde sie keinen der hoffnungsvollen Herren an sich heranlassen. Die hatten es vermutlich ohnehin allesamt allein auf ihr Vermögen abgesehen. Roesia schluckte schmerzlich. Ihr Herz würde sie kein zweites Mal verschenken. Das törichte Ding war ohnehin in Scherben. Entzwei. Unwiderruflich. Es gab Geschehnisse im Leben, die ließen sich um nichts in der Welt kitten.
Sofort rief sie sich zur Ordnung. Schluss damit! Sie würde sich nicht in Erinnerungen verlieren, die nur Traurigkeit in ihr hervorriefen. Überdies war sie am Ziel ihres nachmittäglichen Ausflugs angelangt – der Residenz der Ornithologischen Gesellschaft. Roesia war heute gekommen, dem Vortrag von John Gould über die australische Vogelwelt zu lauschen. Darauf hatte sie sich schon über Wochen hinweg gefreut. Der anschließend angekündigten Präsentation von lebenden Exemplaren der australischen Papageien und Sittiche fieberte sie als erwiesene Vogelnärrin regelrecht entgegen. Roesia würde heute erstmals einen australischen Wellensittich höchstpersönlich und mit eigenen Augen bewundern dürfen. Den gewellten Singpapagei. Melopsittacus undulatus. Allein sein Gattungsname klang bereits überaus wunderbar und melodiös. Sie stieß die schwere Pforte auf und trat schwungvoll hinein.
Mr. Goulds artiger Kavalier
Zwei Stunden später flanierte Roesia gemächlich inmitten der Reihen von Käfigen und Volieren durch den Ausstellungsaal. Um sie hier piepte, zwitscherte und tirilierte es, dass es eine wahre Freude war. Woher es wohl kam, dass Vogelstimmen in den Ohren im Allgemeinen lieblicher klangen, als diejenigen menschlichen Ursprungs? Viele Londoner waren gekommen, um das exotische Federvieh zu bestaunen, welche man mit Schiffen vom fernen Australien nach Europa gebracht hatte. Eine steile Falte verunzierte Roesias Nasenwurzel. John Gould hatte in seinen Ausführungen auch davon berichtet, dass die gewellten Singpapageien zu Tausenden auf der langen Überfahrt starben und anfänglich eine sehr große Anzahl von ihnen auch während der Gefangenschaft in Europa. Weil man es nicht wusste, sie angemessen zu füttern! Denn es hatte schlicht an den Kenntnissen darüber gemangelt, wie sich die munteren Gesellen gemeinhin ernährten. Roesia war ehrlich entsetzt.
Sie sah in einen zugegebenermaßen recht geräumigen und gut ausgestatteten Käfig hinein und war augenblicklich fasziniert. Ein farbenfrohes Grüppchen von grüngelben Wellensittichen saß darin sichtlich zufrieden beisammen. Scheinbar hatten sie sich Wichtiges zu erzählen, denn ihr Gezwitscher erklang heiter und ohne Unterlass. Offensichtlich erging es diesen hier prächtig. Allesamt wirkten sie wohlgenährt und gesund. Ihr Gefieder glänzte. Dass Gould sie als gewellte Singpapageien bezeichnet hatte, schien ihr mehr als angemessen, denn sie parlierten wahrhaftig überaus melodiös. Von ihrem entzückenden Gehabe ganz zu schweigen! Roesia betrachtete die geselligen Vögel ein Weilchen bei der gegenseitigen Gefiederpflege. Dabei fasste sie einen Entschluss. Wäre es nicht schön, einen dieser munteren Vögel als Hausgenossen zu haben? Damit er ihr beim Dichten Gesellschaft leistete? Oder besser zwei von ihnen, damit sie ohne einen Artgenossen nicht einsam waren. Wenn sie nun schon einmal hier waren – fern von den unendlichen Graslanden ihrer Heimat Terra Incognita. Im Grunde genommen hing sie der Ansicht an, dass Vögel freie Geschöpfe waren, die nicht in Käfige gesperrt werden sollten. Sie waren Kreaturen des Himmels, die unbedingt in dessen losgelöste Weite gehörten. Vielleicht konnte sie hier zugleich ein gutes Werk vollbringen.
Ah! Roesia näherte sich John Gould, der von einigen Interessierten mit Fragen befeuert wurde. Als sie die Menge um ihn herum allmählich lichtete, ergriff sie die Gelegenheit beim Schopf und trat an ihn heran. »Mr. Gould! Haben Sie vielleicht einen Moment für mich?«
Der Forscher mit dem charakteristischen Backenbart wandte sich ihr daraufhin zu. »Guten Tag, junge Dame. Wie kann ich Ihnen denn behilflich sein?« Mit sichtlichem Bedauern schüttelte er den Kopf, nachdem Roesia ihm erwartungsfroh ihr Ansinnen auseinandergesetzt hatte. »Leider kann ich Ihnen nicht weiterhelfen. Alle Wellensittiche haben bereits einen Käufer gefunden. Ich muss ihnen deshalb empfehlen, auf das nächste Schiff zu warten.«
Roesias Enttäuschung kannte auf diese Auskunft hin keine Grenzen mehr. Wer wusste schon, wann das nächste Schiff aus Australien ankommen würde? In einem halben Jahr? Einem Jahr? Gould legte angesichts ihrer Niedergeschlagenheit den Kopf schief. »Da wäre doch noch etwas, vielleicht sind Sie ja interessiert.« Er lächelte amüsiert, als Roesia ihn daraufhin gespannt und eifrig ansah. »Ja? Wirklich?« Mit einem Nicken bedeutete Gould ihr, ihm zu folgen. Roesia ließ sich natürlich nicht zweimal bitten.
In einem üppig mit Pflanzenbewuchs dekorierten Nebenraum, beugte sie sich wenig später über einen Käfig. Fragend sah sie auf den Ornithologen. »Ist das etwa ein Wellensittich? Aber er ist ja grau! Nicht grün und gelb. So wie die anderen.« Sie lächelte, als der kleine Kerl neugierig näher ans Gitter heranrückte. Mit großen dunklen Augen äugte er zu Roesia herauf. Er hatte ein weißes Köpfchen, die typische Wellenzeichnung an den Flügeln und hübsche schwarze Wangenflecken. Gould nickte bestätigend. »Ja. Es ist in der Tat ein Wellensittich. Vermutlich jedoch eine sehr seltene Mutation. Im Vergleich zu den anderen ist er bedauerlicherweise recht klein und schmächtig geraten. Für ihn hat sich bislang kein Käufer gefunden. Vermutlich hält man ihn für wenig ansehnlich.« Roesia schnaubte auf diese Worte hin. Fragend sah Gould sie an. »Ich käme Ihnen natürlich im Preis entgegen, wenn Sie ihn haben möchten.«
Roesia indes war recht hingerissen, als der Wellensittich begann, sich mehrfach rhythmisch vor ihr zu verbeugen. Dabei klopfte er vernehmlich mit dem Schnabel gegen das Käfiggitter und gab gurrende Töne von sich. Sie grinste. Beinah‘ wie einer dieser eitlen Gecken, die zuweilen bei diesen lästigen Tanzveranstaltungen um sie herumscharwenzelten. Allerdings mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass ihr die Avancen des gewellten Singpapageien wesentlich willkommener waren. Goulds Mundwinkel zuckten amüsiert. Mit seinen folgenden Worten bestätigte er Roesias Ahnung. »Wie’s scheint, hat er wohl Gefallen an Ihnen gefunden. Es handelt sich um ein männliches Tier. Sehen Sie hier, sie können es an seiner blaugefärbten Nasenwachshaut über dem Schnabel erkennen. Die Weibchen hingegen tragen ein dezentes Braun.«
Vorsichtig steckte Roesia ihren Zeigefinger durch das Gitter und gab versuchsweise einige lockende Pfeiftöne von sich. Als der graue Wellensittich daraufhin mit dem Schnabel zärtlich an ihre Fingerspitze stupste, war es vollends um sie geschehen. Sie strahlte Gould wie ein Honigkuchenpferd an. »Ich danke Ihnen, dass Sie mir diesen artigen kleinen Kavalier vorgestellt haben. Ich nehme ihn bitte gleich mit, wenn ich darf!«
Ein exotischer Hausgenosse
Bepackt wie ein Maulesel betätigte Roesia den gewichtigen Türklopfer am Eingang zur Residenz der Blacks im noblen Belgravia. Es dauert nicht lang, bis ihr von dem altgedienten Butler der Familie, Mr. Lovett, geöffnet wurde. Mit einem kaum merklichen Zucken der Augenbrauen nahm er Roesias neueste Exzentrik zur Kenntnis und den abgedeckten Käfig in Empfang. »Miss Black, darf ich erfahren, was sich unter dem Tuch befindet?« Roesia zwinkerte ihm verschwörerisch zu, bevor sie sich anschickte, ihre anderweitigen Errungenschaften sorgsam auf dem Tischchen in der weitläufigen Eingangshalle abzulegen. So hatte sie unter anderem eine ausführliche Schrift Goulds über die artgerechte Pflege und Ernährung von Wellensittichen sowie ausreichend Futter für ihren kleinen Galan erstanden. Dabei handelte es sich um diverse Tütchen mit Sämereien und Körnern unterschiedlichster Arten, von denen ihr Gould versichert hatte, dass sie der natürlichen Nahrung und den Vorlieben von Wellensittichen entsprachen.
Sie befreite den Käfig von dem Tuch und strahlte den sichtlich überraschten Butler an. »Das, Mr. Lovett, ist ein gewellter Singpapagei. Ein Wellensittich. Er ist eigens aus Australien angereist und wird von nun an hier leben. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn wir ihn vorerst an Lady Black vorbeischmuggeln könnten. Sie wird sich noch früh genug über seine Anwesenheit echauffieren. Ist Sie denn überhaupt anwesend?«
Lovett zwinkerte erheitert zurück. »Lady Black ist außer Haus. Offenbar ist die Tanzveranstaltung bei den Blanchards Ihrem Gedächtnis entfallen? Um ehrlich zu sein, wirkte sie nicht allzu glücklich darüber, dass Sie nicht auffindbar waren.« Roesia legte den Kopf schief. Ach, das nun wieder! Sie würde den Tadel ihrer Mutter zu gegebener Zeit über sich ergehen lassen. Nun galt es zunächst einmal, ihren gefiederten Hausgenossen angemessen unterzubringen und zu verpflegen. Außerdem würde sie einen Rufnamen für ihn finden müssen. In diesem Augenblick hub der Wellensittich zu einem melodischen Gesang an. Lovett lächelte und hörte ihm sichtlich bezaubert zu. Augenscheinlich war auch er dem Charme des possierlichen Australiers erlegen.
